Was wir von den Schweizern lernen können

Am Messestand der Jungfreisinnigen
Am Messestand der Jungfreisinnigen

Bald entscheidet Baden-Württemberg in seiner ersten großen Volksabstimmung über das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm. Zur Vorbereitung informieren sich die JuLis Ulm-Biberach in der Schweiz über Kampagnen vor Volksabstimmungen. Eine Idee, welche im Zeitalter von Internet und Facebook rasch Füße bekam und uns vom 2. bis 4. September 2011 nach Chur in den Kanton Graubünden zu den Jungfreisinnigen führte, der liberalen Jungpartei in der Schweiz. Engagierter Gastgeber vor Ort war Thomas Bigliel, Parteisekretär der Jungfreisinnigen Graubünden und Nationalratskandidat bei den Wahlen im Herbst.

 

Nachdem die Schweiz den meisten von uns nur als Skiurlaubsziel bekannt war, das die direkte Demokratie nutzt, sollten wir schon bald vor Ort erfahren, was es heißt, diese direkte Demokratie aufrecht zu erhalten, die Menschen für Ideen zu gewinnen und trotzdem nach Rückschlägen nicht aufzugeben. Zum Zeitpunkt unseres Besuchs fand in Chur nämlich die Bündner Herbstmesse Gehla statt, und die Giuvens Liberals - wie sich die Bündner Jungfreisinnigen gerne auf Rätoromanisch nennen - sind immerhin die ganzen 10 Tage mit einem Stand vor Ort. Hintergrund ist auch die im Herbst anstehende Nationalratswahl, zu der sie wie üblich auch mit eigener Liste antreten; daneben machen sie Werbung für die Liste der Mutterpartei FDP. Am Stand liegen prominent Unterschriftenlisten für ihre neue Bürgerinitiative zur Abschaffung der Kirchensteuer für juristische Personen in Graubünden und der daraus resultierenden Einsparung von 10 Mio CHF. Kein reiner Zufall so kurz vor der Wahl, denn natürlich bringt die Initiative Aufmerksamkeit für den Wahlkampf der Jungpartei – ganz nach dem Motto: nicht nur fordern, sondern gleich einreichen!

 

Ebenso wurden wir Zeuge, mit wie viel Engagement man in der Schweiz für seine Überzeugungen kämpft und argumentiert. Es schien so als seien die Menschen stets aufgeschlossen für Ideen und Anregungen, welche der Allgemeinheit einen Vorteil bringen, und zwar ungeachtet dessen, aus welchem politischen Lager sie kommen. Einen Zustand, den wir derzeit als Liberale in Deutschland weniger erfahren dürfen. 

 

Auch faszinierte uns die Transparenz des Menschen „Politiker“. In der Schweiz ist es nämlich so, dass jeder Politiker auch einem regulären Beruf nachgeht. Sie können sich also nicht das ganze Jahr in den Fraktionsbüros verstecken. Ebenso können sie nicht nur vor der Kamera den „Volksnahen“ geben, um wiedergewählt zu werden, sondern müssen auch auf der Arbeit für das stehen was sie sagen.

 

Beeindruckend fanden wir auch, wie gut die Schweizer über deutsche Politik informiert sind. Besser als so manches deutsche FDP-Mitglied weiß man bei den Jungfreisinnigen, was Guido Westerwelle wo gesagt hat oder z.B. auch, dass in Deutschland für Binnenschifffahrt der reduzierte Mehrwertsteuer-Satz gilt.

 

Auch sonst war das Wochenende nicht langweilig. Wir übernachteten ganz jung und liberal im JBN Hostel im Ausgehviertel der Stadt. Bei warmem Sommerwetter – Chur gilt als heißeste Stadt der Schweiz – suchten wir uns Freitag Abend einen Platz an der Sonne und genossen bei einem kalten Calanda-Bier und Risotto den Abend. Die später eintreffenden Jungfreisinnigen bereicherten diese Runde mit interessanten Gesprächen. Der nächste Morgen begann an der Hostelbar bei Kaffee, Brötchen und Konfitüre – denn nur der gestärkte Liberale hat gute Laune! Danach zogen wir wieder los und schauten uns den Vormittag über die Churer Altstadt an. So erfuhren wir, dass Chur als die älteste Stadt der Schweiz gilt und dass das Bistum Chur das älteste Bistum nördlich der Alpen ist. Am Nachmittag fuhren wir dann mit dem Bus zur Verbrauchermesse Gehla, auf der neben den Jungfreisinnigen vielerlei große und kleine Aussteller aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen vertreten waren. 

 

Die Nachmittagshitze trieb uns schließlich ans Ufer des erfrischend kalten Rheins, an dieser Stelle fast noch ein Bergbach. Als uns dann der Hunger packte, fuhren wir wieder in die Innenstadt, wo wir zusammen mit den Jungfreisinnigen den Abend in verschiedenen Bars und Diskotheken verbrachten und die Puppen tanzen ließen, wie es sich für JuLis und Jungfreisinnige gehört. Am Sonntag war das Wetter genau richtig für eine Bergwanderung – bewölkt bei 18° Grad. Wir fuhren mit der Bergbahn auf den Churer Hausberg Brambrüesch und erklommen den Spundisköpf mit seiner grandiosen Talsicht nach etwa einer Stunde. Der Abstieg führte uns über Trampelpfade und Höhengrade zur Seilbahnstation. Nach einer kleinen Erfrischung kehren wir mit der Bergbahn ins Tal zurück, wo auch schon Thomas Bigliel wartete, um uns zu verabschieden.

 

Fazit: Uns hat der Besuch bei den Jungfreisinnigen in vielerlei Hinsicht gefallen. Ebenso konnten wir einen Einblick in das politische System der Schweiz gewinnen, was man unbedingt als Bereicherung sehen muss. Wir hoffen, dass wir unsere Schweizer Freunde auch bald hier im schönen Ulm begrüßen dürfen und verbleiben mit einem herzlichen Grüezi!