Zeitarbeit: Sklavenarbeit oder Chance

Dieser Beitrag wurde ursprünglich von Martin Retzbach in unserem kommunalen Blog "Ulms neue Mitte" veröffentlicht, den wir einstellten, um alle Inhalte auf dieser Website zusammenzufassen.

Da ich selber vor ein paar Monaten Geld brauchte, heuerte ich für sechs Wochen bei der Zeitarbeit an. Von dieser Erfahrung wollte ich berichten, da in der Presse sehr viel Negatives berichtet wurde. Mag sein, dass ich mit der Zeitarbeit Glück hatte, so möchte ich auch klarstellen, dass mein Bericht nicht über die gesamte Branche aussage kräftig ist. Vielleicht stellt aber auch mein Bericht so manches Vorurteil richtig, das es über die Branche gibt. Ich überlasse es Ihnen selber, welche Meinung Sie haben wollen – es ist nur ein Erfahrungsbericht.


Ich bin zur Zeitarbeit gegangen, um mich für einen Ferienjob in den Semesterferien zu bewerben. Mein Jobvermittler sagte mir dann erstmals, dass noch keine Stellen frei sind, aber sie meine Telefonnummer haben wollten um mich sofort zu informieren, wenn es freie Stellen gibt. Nach zwei Stunden kam der Anruf, dass ich in Senden in einer Kunststofffabrik arbeiten kann. Der Lohn war 8,50 €, was für einen ungelernten Arbeiter nicht üppig bezahlt ist, aber auch nicht unterbezahlt (der Mindestlohn bei der Zeitarbeit liegt bei 7,89 €). Außerdem gab es Überstundenzuschlag, 3,90 € Fahrgeld von Ulm nach Senden und Feiertage wurden auch bezahlt. Man konnte sich also nicht beschweren.


Am nächsten Tag ging es dann zu der Firma. Mein erster Eindruck war, dass die Leute im Allgemeinen ganz nett waren, natürlich gab es auch Ausnahmen, aber wo gibt es diese nicht. Die Arbeit war zwar etwas eintönig, aber für jedermann oder jederfrau machbar. Meistens bestand die Arbeit darin irgendwelche Teile vom Fließband zu nehmen, auf Qualität zu achten oder im Zusammenstecken und Verpacken. Im Großen und Ganzen war die Arbeit gut zu machen, was manch anderen Zeitarbeiter aber schon überforderte. Persönlich kann ich dazu nur sagen, dass dieser andere Zeitarbeiter in der Jugend wohl nie richtig daheim arbeiten musste und es deshalb nicht gelernt hat, aber dies ist nur eine These (ich hatte mit diesen Leuten auch Mitleid, denn wenn man diese Arbeit nicht kann, was macht man dann?). Dumm war nur, dass diese Arbeit, die die anderen nicht schafften, wir übernehmen mussten, was dazu führte, dass ich plötzlich 4 Maschinen bedienen musste. Einmal war es aber auch mir mal zu viel, worüber ich mich auch beschwerte und zu meiner Überraschung auf Verständnis stieß. Ich denke, dass die Verantwortlichen über das Problem bescheid wussten, allerdings ihren Mitarbeitern, die genauso viel verdienten wie ich, keine Lohnerhöhung gaben, weshalb es mich dann auch nicht wunderte, dass qualifizierte Arbeiter dort nicht arbeiten wollen.


An sich sehe ich aber Zeitarbeit als Chance, eine Zeit zu überbrücken in der man keine Arbeit hat. Natürlich kann man höhere Löhne für diese Branche fordern, aber man muss auch sehen, was diese unqualifizierten Arbeiter bringen. Es gab Leute, die waren sehr gut, die wurden dann auch sehr schnell übernommen oder fanden ein neuen Job. Für die anderen Arbeiter kann man nur sagen, dass der oben genannte Stundenlohn mehr als gut ist, denn mehr würde ich, wenn ich einen Betrieb hätte, der wirtschaftlich laufen soll, denen auch nicht zahlen. Mag sein dass es andere Zeitarbeitsfirmen gibt, die weniger zahlen, aber ist es nicht jedem selber überlassen, bei welcher Zeitarbeitsfirma er arbeitet? Vergleichen wir nicht auch beim Einkaufen die Preise? Vielleicht ist da auch eine gezielte Pressedarstellung im Spiel, die die Zeitarbeit so negativ in den Köpfen der Menschen prägt. Ich kann nur für mich sagen, dass ich nicht unmenschlich behandelt wurde, mich aber für die nächsten Semesterferien bei einer Firma beworben habe, bei der ich mehr verdiene und die Zeitarbeit nur eine Notlösung war, aber keine schlechte.