"Laut in Ulm"

Dieser Beitrag wurde ursprünglich von Nicolas Marschall in unserem kommunalen Blog "Ulms neue Mitte" veröffentlicht, den wir einstellten, um alle Inhalte auf dieser Website zusammenzufassen.

Eine lebenswerte Innenstadt braucht Raum für Begegnung und Freizeit!

Ich sage nicht, dass jeder Lärm nötig ist und toleriert werden muss. Betrunkene, die sich um 3 Uhr Nachts beim Randalieren die Seele aus dem Leib brüllen sind inakzeptabel. Und dass nach §16(1) Straßenverkehrs-Ordnung Hupen innerorts nur erlaubt ist wenn man “sich oder andere gefährdet sieht” (nicht seine Geduld!), weiß und beachtet auch keiner. Und statt um Umweltzonen sollte man sich mal um die lauten Mopeds kümmern, die trotz allen technologischen Fortschritts (Elektrofahrräder sind z.B. lautlos) noch mit ohrenbetäubender Lautstärke fast kilometerweit zu hören sind!


Aber es gibt auch das andere Extrem. Ulm, ein warmer Freitag Abend, 21:40 Uhr, vor einer beliebten Kneipe in der Innenstadt: Es sitzen noch Gäste draußen und unterhalten sich zivilisiert in normaler Lautstärke. Aus dem Nachbarhaus kommt im Pyjama mit grimmigem Gesicht eine ältere Dame heraus gestapft und betritt das Lokal, um den Wirt vorsorglich schon einmal daran zu erinnern, dass ab 22 Uhr draußen absolute Ruhe sein muss. So beobachtet von mir vor wenigen Wochen.


Seit den neuen Nichtraucherschutz-Gesetzen stehen die meisten Wirte ja ohnehin ständig mit einem Bein vor Gericht, weil auch am späteren Abend noch Gäste vor ihrem Lokal rauchen, sich dabei unterhalten und – oh Schreck – sogar mal gelacht wird. Dabei geht doch der korrekte Schwabe zum Lachen in den Keller ;-)


Mir erzählen Leute älterer Generationen immer wieder mal beiläufig: “Wenn wir Rentner sind, ziehen wir in die Innenstadt!”. Und wenn sie dann dort sind, dauert es zwei Wochen, und sie prozessieren gegen das Lokal im Nachbarhaus, oder wie?


Mit welchen Erwartungen zieht man eigentlich in die Innenstadt? Man hört ja immer wieder “kurze Wege im Alter”. Ob das stimmt, will ich noch bezweifeln, denn z.B. einen gut sortierten Supermarkt muss man in der Ulmer Stadtmitte lange suchen. Und die Mieten sind in den Vororten ja auch eher billiger. Auf jeden Fall scheinen die meisten Leute den Lärm des Innenstadt-Lebens nicht zu erwarten.


Dabei ist die Innenstadt ein Ort für Begegnung und Freizeit. Ein Ort der Kultur und des Lebens! Das muss nicht jedem gefallen, aber dafür gibt es ja genügend Dörfer auf der Alb, Stadtrandlagen oder auch einige recht gut mit dem Bus angebundene Vororte.


Wenn man aber die Innenstadt zum verschlafenen Vorort machen will, dann bleibt ja am Ende gar nichts mehr übrig!


Dass ich mit dieser Meinung nicht allein bin, zeigt sich z.B. durch die Gründung der Facebook-Seite mit dem pointiert gewählten Namen “LAUT in Ulm”, die wohl ein Gegenstück zum derzeit in Ulm besonders aktiven Verein “Leise e.V.” darstellen will (nein, wir stecken nicht dahinter). In den 24 Stunden vor Veröffentlichung dieses Beitrags gewann die Seite grob 250 neue Mitglieder, und das ist doch für eine lokale Initiative sehr beachtlich und spricht Bände.

Kommentare: 2 (Diskussion geschlossen)
  • #1

    Uli A. Walter (Montag, 22 September 2014 11:58)

    (Kommentar ursprünglich vom 11.09.2012)

    Gratuliere. Der Artikel von Nicolas Marschall bringt es exakt auf den Punkt. Dennoch sollte man vorsichtig sein, mit dem Rat an die “Leisegestrickten”, doch an den Stadtrand oder aufs Dorf zu ziehen. Es könnte sein, dass wir da dann das Zirpen der Grillen und das Gezwitscher der Vögel abstellen sollen.

  • #2

    Karsten (Montag, 22 September 2014 11:59)

    (Kommentar ursprünglich vom 05.08.2013)

    Ich würde aber mal sagen dass hat jede größere Stadt so. Ich wohne in Dortmund und habe auch nicht immer die ruhigste Nacht. Und wenn es Lärm gibt, dann nur 2-3 mal im Jahr, und dass auch nur durch vorbeiziehende Leute. Einerseits hab ich direkt ne Cafe-Bar neben mir, andererseits führt der Weg vom Stadion zum Bahnhof praktisch durch mich durch. Aber wenn dass nur bei großen Events passiert, kann ich als ü20er ganz gut damit Leben, auch wenn ich mal um 1 Uhr Nachts aus’m Schlaf gerissen werde.